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«Der Parasport bietet unglaublich viel - sportlich, aber auch menschlich»

Während das Schweizer Para Cycling-Team in Italien um EM-Medaillen kämpft, ist eine PluSport-Athletin nicht mehr dabei: Franziska Matile-Dörig setzte beim Para Cycling-Weltcup im belgischen Gistel Ende März noch einmal ein starkes Ausrufezeichen. Nach ihrer Mutterschaftspause kehrte die Appenzellerin eindrucksvoll auf die internationale Bühne zurück – und verabschiedete sich gleichzeitig vom Spitzensport.

Im Interview spricht die Mutter eines kleinen Sohnes über emotionale Momente, gesundheitliche Herausforderungen, ihr letztes Rennen und den neuen Lebensabschnitt abseits des Leistungssports.

Franziska, du hast deine zwar kurze, aber äusserst erfolgreiche Karriere kürzlich beendet. Wann wurde dir klar, dass der Weltcup in Belgien Ende April dein letzter Auftritt auf der grossen internationalen Bühne sein würde?

Das wurde mir während der Vorbereitung auf das Weltcup-Wochenende bewusst. Ich hatte das Training nochmals intensiviert und verbrachte wieder mehr Zeit draussen auf dem Zeitfahrvelo. Dabei verstärkten sich meine bereits bestehenden körperlichen Beschwerden deutlich. Nach den Trainings litt ich unter starken und anhaltenden Schmerzen. Deshalb traf ich die Entscheidung, meinen Körper nicht länger auf diesem Niveau und in den extremen Positionen, die das Zeitfahren mit sich bringt, zu belasten.

Ich bin Physiotherapeutin und habe in meinem Leben bereits viele körperliche Herausforderungen erlebt. Mein Körper ist mir zu wichtig, um ihn weiterhin grossen Belastungen auszusetzen und damit langfristige oder chronische Beschwerden zu riskieren. Besonders schwierig war diese Entscheidung, weil das Zeitfahren meine absolute Lieblingsdisziplin war – dort hatte ich am meisten Freude und am liebsten trainiert. Als klar wurde, dass das nicht mehr möglich ist, verlor Para Cycling für mich auch einen wichtigen Teil seiner Bedeutung. So wurde Belgien zu meinem letzten Rennen.

Es kamen aber noch organisatorische Schwierigkeiten dazu.

Ja, genau – als Mutter wird vieles deutlich komplizierter. Für Wettkämpfe war ich jeweils darauf angewiesen, jemanden zu finden, der mich begleitet. Nach Belgien kam mein Mann noch einmal mit, damit wir uns als Familie gegenseitig etwas entlasten konnten. Für die weiteren Rennen wurde es jedoch zunehmend schwieriger, jemanden zu finden, der mehrere Tage mitreisen konnte. Ich habe zahlreiche Möglichkeiten geprüft und nach Lösungen gesucht. Doch zusammen mit den gesundheitlichen Problemen wurde mir irgendwann klar, dass es insgesamt nicht mehr funktioniert.

Franziska Matile-Dörig lächelt in die Kamera und hält die goldene WM-Medaille in der rechten Hand hoch.

Franziska Matile-Dörig

Geburtsdatum: 12. Dezember 1992
Wohnort: Winterthur
Beruf: Physiotherapeutin
Sportart: Para Cycling (Strasse und Bahn)
Sportklasse: C4
Behinderung: Versteifung und Deformität des linken Fusses
Verein: PluSport Behindertensport Schweiz
Frühere Sportart: Orientierungslauf

Grösste Erfolge

  • Paralymische Bronzemedaille (Paris 2024)
  • Weltmeisterin Zeitfahren (Zürich 2024)
  • Vize-Weltmeisterin Scratch Bahn (Glasgow 2023)
  • Mehrfache Weltcup-Podestplätze

Persönliches

  • Verheiratet
  • Mutter eines Sohnes
  • Einstieg ins Paracycling nach einem schweren Unfall
  • Karriereende 2026

© Sam Buchli Fotografie

Wenn wir zurück an den Anfang gehen: Was war der eigentliche Startschuss deiner Para Cycling-Karriere?

Das war der Weltcup in Maniago 2023. Ich war dort komplett im Flow, hatte unglaublich viel Spass im Rennen und stand direkt auf dem Podest. Danach wusste ich: Das möchte ich weitermachen.

Kurz darauf kamen auch die Bahnrennen dazu. Zum ersten Mal auf der Bahn zu fahren, hat mir enorme Freude bereitet. Bei der Bahn-WM in Glasgow wurde ich im Scratch-Rennen im Fotofinish Zweite, und auch das Omnium mit seinen verschiedenen Disziplinen hat mich total fasziniert. Es war insgesamt eine Zeit voller Freudenmomente, grossen Fortschritten und sehr viel Motivation für das weitere Training.

Du bist nach einem schweren Unfall zuerst aus therapeutischen Gründen Velo gefahren. Wann wurde daraus Spitzensport?

Eigentlich genau in dieser Phase rund um den ersten Weltcup. Vorher war ich zwar bereits an kleineren Rennen unterwegs, wusste aber noch nicht genau, ob das wirklich mein Weg ist. Als ich dann wieder in dieser Wettkampfatmosphäre war, mich gezielt vorbereiten konnte und an einem Event meine beste Leistung abrufen durfte, merkte ich, wie viel Erfüllung und Begeisterung mir das gibt. Dieses Gefühl kannte ich bereits aus dem Orientierungslauf.

Du kanntest also dieses Gefühl bereits, du warst zuvor ja auch Spitzensportlerin im Orientierungslauf. Wie würdest du die beiden Welten – Regelsport und Para-Sport – vergleichen?

Der Orientierungslauf war in meiner Jugendzeit natürlich ganz anders organisiert. Wir reisten weniger international und hatten viel weniger Materialaufwand. Mit mindestens zwei Velos um die Welt zu reisen ist deutlich aufwendiger als mit einem Rucksack mit OL-Schuhen, Badge und Kompass drin. Trotzdem gab es viele Parallelen: das strukturierte Training, das Wettkampfgefühl, die mentale Vorbereitung  oder die Nervosität vor den Rennen. Im Radsport kamen dafür neue Aspekte dazu, etwa das taktische Fahren in der Gruppe oder schnelle Entscheidungen während der Strassenrennen.

Konntest du von deiner OL-Karriere profitieren?

Sehr stark. Ohne diese Erfahrungen hätte ich vermutlich nie so schnell auf diesem Niveau Fuss fassen können. Ich konnte unglaublich viel mitnehmen - Trainingswissen, Regeneration, Ernährung und mentale Stärke.

Ausserdem blieb ich auch zwischen diesen beiden Sportkarrieren immer aktiv. Ich machte Krafttraining, ging bergsteigen, klettern oder Velo fahren. Dadurch hatte ich eine gute körperliche Basis.

Wenn du zurückblickst auf deine intensive und sehr erfolgreiche Karriere: Was war dein grösstes Highlight?

Ganz klar das WM-Gold im Zeitfahren in Zürich 2024. Auf diese Weltmeisterschaft habe ich über drei Jahre intensiv hingearbeitet. Ich wollte alles optimieren: Training, Material, Ernährung und mentale Vorbereitung. Als Spitzensportlerin ist man immer auf der Suche nach dem perfekten Rennen, und an diesem Tag war ich so nah dran wie noch nie. Dass ich dann mit der Familie im Publikum Gold gewinnen durfte, war mein grösstes Highlight, auch emotional.

Über die Paralympics-Bronzemedaille habe ich mich natürlich auch enorm gefreut, aber die WM in Zürich war nochmals etwas ganz Besonderes.

Welche Rolle hat PluSport im Verlauf deiner Karriere gespielt?

Eine sehr grosse. Ohne die Unterstützung von PluSport wäre meine Karriere in dieser Form kaum möglich gewesen. PluSport hat einen wesentlichen Teil der Kosten für Wettkämpfe und Trainingslager übernommen und damit überhaupt erst die Voraussetzungen geschaffen, auf internationalem Niveau Sport zu betreiben.

Gleichzeitig durfte ich von einem professionellen Trainingsumfeld profitieren.
PluSport stellte Trainerinnen und Trainer zur Verfügung, organisierte Trainingslager und die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen und ermöglichte beispielsweise auch die regelmässigen Bahntrainings in Grenchen. Gerade in einer Sportart wie dem Para Cycling, die mit einem hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden ist, ist das von enormer Bedeutung.

Neben der finanziellen und sportlichen Unterstützung war auch der Austausch mit anderen Athletinnen und Athleten sehr wertvoll.  Als Parasport Neuling war es enorm wertvoll, auf ein erfahrenes Umfeld zählen zu können. PluSport hat mich auf meinem gesamten Weg begleitet und wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich sportlich so entwickeln konnte. Dafür bin ich sehr dankbar.

Worauf freust du dich jetzt in deiner Spitzensport-Pension am meisten?

Auf mehr Freiheit, vor allem an den Wochenenden. Und darauf, dass wir als Familie spontaner etwas unternehmen können, ohne ständig Trainingspläne berücksichtigen zu müssen. Dieser permanente Druck, zielgerichtet und strukturiert trainieren zu müssen, fällt weg – darauf freue ich mich sehr.

Natürlich werden wir weiterhin viel mit dem Velo unterwegs sein, aber es ist jetzt etwas anderes: Bewegung und Sport nach Lust und Laune.

Was möchtest du jungen Parasportlerinnen und Parasportlern mitgeben?

Wenn du Sport liebst, Wettkämpfe magst und eine Leidenschaft für Bewegung hast, dann nutze diese Möglichkeiten. Der Parasport bietet unglaublich viel – sportlich, aber auch menschlich durch den Austausch mit anderen Athletinnen und Athleten und das Unterwegssein in Trainingslagern oder an Wettkämpfen.

Und: Sei immer ehrlich zu dir selbst und höre auf dein Gefühl. Am Anfang hatte ich unglaublich viel Freude und war oft im Flow. In den letzten Monaten war das Training zunehmend herausfordernd, und mit der Geburt meines Sohnes hat sich auch die Bedeutsamkeit von Wettkämpfen verändert. Die Risikobereitschaft und die Motivation, ans absolute Limit zu gehen, haben dabei ebenfalls abgenommen. Irgendwann habe ich gemerkt: Der Flow ist nicht mehr wirklich da.

Dann braucht es manchmal auch den Mut, eine Tür zu schliessen, damit sich eine neue öffnen kann.

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