Schweizerischer Turnverband

News und Geschichten aus der Turnwelt

Auszug aus der Verbandszeitschrift GYMLIVE 5/2022. Die Inklusion ist beim STV bereits zum Selbstverständnis geworden. Um im «normalen» Turnverein mit dabei sein können, braucht es vor allem Offenheit, Kommunikation und Flexibilität.

«Er gehört einfach dazu»,

Rafael Güller ist ehrgeizig. Nicht nur im wöchentlichen Circuit-Training, das in den Wintermonaten in der Turnhalle von Herznach oder Ueken stattfindet, gibt er Vollgas. Auch in allen sportlichen Belangen. Der 25-Jährige mit Trisomie 21 turnt seit Kindesbeinen im STV Herznach. «Er gehört einfach dazu», sagt sein Leiter Simon Hunziker. Dass er sich wohlfühlt, ist Rafi anzumerken. Leichtathletik, Steinstossen sowie Krafttraining gehören zu seinen Leidenschaften. «Er will immer mehr als die anderen, gibt immer alles. Wenn etwas nicht geht, wie er es gerne hätte, ärgert sich Rafi», erzählt Simon.
An den Turnfesten absolviert Rafael Güller jeweils Schleuderball, Steinstossen und Kugelstossen. Beim Steinstossen nimmt er den gleichgrossen Anlauf und die normalschweren Steine – bis 40 Kilo – wie seine Kollegen. «Seine Schleuderbälle fliegen immer pfeilgerade. Diese Resultate könnten wir sogar zählen lassen», erklärt sein Leiter.

Auch als Showman tritt er gerne auf. So ist Rafi Güller an jeder Turnshow auf der Bühne präsent. «Ich tanze gern. Früher habe ich Breakdance gemacht», erzählt Rafi Güller. Diesen Hintergrund merke man. «Er hat eine Körperspannung wie fast kein anderer», betont Simon.

Der respektvolle Umgang und das Verständnis seien wichtig, wenn man jemanden mit einer Behinderung im Verein habe. Wichtig sei aber auch, der Austausch und die Kommunikation mit den Eltern. «So eine Person wie Rafi gibt dem Verein sehr viel zurück. Für uns ist es eine Ehre, ihn dabei zu haben», betont Hunziker.
 

«Wenn der Verein wegen mir Abzüge bekommen würde, hätte ich nicht mehr mitgeturnt»,

Seit Anfang 2022 mischt Ronny Gabathuler wieder aktiv als Oberturner und Leiter der Barrenriege im TV Weite mit – fast wie vor seinem Autounfall vor bald drei Jahren. Anders ist nur, dass der 30-Jährige jetzt links eine Unterschenkelprothese trägt und sein rechtes Fussgelenk versteift ist.

Ronny war froh, als er wieder in den Turnverein zurückzukehren konnte. «Das hat mir schon gefehlt. Zu Beginn habe ich vor allem administrative Sachen erledigt, dann aber bald auch wieder aktiv mitgeturnt», sagt Ronny. Spezielle Massnahmen brauchte es dafür keine. «Ich habe aber zum Glück eine leichtere Beinprothese für den Sport bekommen. Das ist besser, weil sie weniger Schwerkraft hat», so Ronny. Weiter hat er bei den Verantwortlichen des Wertungsgericht beim Schweizerischen Turnverband einen Antrag gestellt, dass sein Verein keine Abzüge bekommt, wenn Ronny mitturnt. Wegen seiner Prothese kann er nämlich keine Auf- und Abgänge machen und die Füsse nicht strecken. «Ich finde es super, dass man das berücksichtigt. Wenn der Verein wegen mir Abzüge bekommen würde, hätte ich nicht mehr mitgeturnt», betont der 30-Jährige. Was er möglichst vermeiden sollte, seien Stürze. Aber als ehemaliger Kunstturner hat Ronny ein gutes Körpergefühl und weiss, was er sich zumuten kann. «Da ich selbst leite, kann ich mich bei der Gestaltung des Barren-Programms so einbringen, dass ich diese Elemente turnen kann, die für mich gut gehen», so Ronny weiter.

Der Turnverein gibt Ronny grossen Rückhalt. Vor allem auch in der schwierigen Zeit nach dem Unfall. «Während der dreimonatigen Reha in Bellikon, hat mich am Wochenende immer ein Vereinskollege abgeholt und wieder gebracht», erzählt er. Auch die moralische Unterstützung sei sehr wertvoll. Seine Situation zeige im Gegenzug den Vereinskollegen, dass nichts unmöglich ist und dass es sich lohne, nie aufzugeben und immer wieder versuchen, weiterzumachen.
Auch für Ronny ist das gegenseitige Verständnis und die Flexibilität ein wesentlicher Aspekt bei der Integration von Menschen mit Beeinträchtigung. «Die anderen Mitglieder sollen diese Person ermuntern und ihr das Gefühl geben, dass sie auch alles schafft», sagt der TV-Weite-Turner.

Banchu Madörin
Seit sie im Alter von fünf Jahren adoptiert wurde – sie ist in Äthiopien geboren – turnt Banchu Madörin beim TV Itingen mit: Kinderturnen, Mädchen- und heute Damenriege. «Die Vereinsmitglieder sind mit mir und meiner Behinderung aufgewachsen», sagt die 26-jährige Jura-Studentin.

Sie ist, seit sie denken kann, stark sehbehindert. Der Grund dafür ist, wie man vermutet, ein viraler Infekt. Auf dem linken Auge ist Banchu komplett blind, rechts beträgt ihr Restsehvermögen zwei bis fünf Prozent. Dieser Wert beziehe sich aber auf das zentrale Gesichtsfeld, also auf das Scharfsehen und Fokussieren, wie Banchu erklärt. «Mein peripheres Gesichtsfeld ist dafür sehr gut ausgeprägt. Das bedeutet, ich nehme Personen und Gegenstände in der Umgebung, wie zum Beispiel Trottoir-Ränder mit dem Hirn wahr und kann entsprechend darauf reagieren», so die Baselbieterin weiter. Diese Fähigkeit ermöglicht Banchu, dass sie alleine Joggen gehen oder ohne Blindenstock in der Stadt unterwegs sein kann. Das sei zwar anstrengend, aber gut machbar. Was gar nicht geht, sind Ballsportarten, weil da zentrales Sehvermögen nötig ist.»

Das ist eine Herausforderung, weil der Fokus in der Damenriege Itingen auf Ballsportarten, wie Fachteste oder 3-Spiele-Turnier, liegt. Daher war für Banchu auch die Teilnahme am Turnfest nicht erfüllend: «Um mitmachen zu können, habe ich jeweils den 800-Meter-Lauf absolviert. Aber als Langstreckenläuferin kommst du damit auf keine gute Note.» Es sei schade, dass sie sich deshalb im Verein sportlich nicht so stark einbringen könne. Deshalb habe es schon Phasen gegeben, in denen sich Banchu gefragt hat, ob es noch Sinn macht, im Verein zu bleiben. Ganz den Rücken kehren möchte die 26-Jährige jedoch ihrem Verein nicht – sie ist zu stark verwurzelt im TV Itingen und er hat ihr viel gegeben. Etwa neun Jahre lang war sie als Leiterin tätig, nun wirkt die 26-Jährige noch als Technische Leiterin mit. «Meine sportlichen Ambitionen lebe ich jetzt einfach in anderen Bereichen wie dem Langstreckenlauf oder dem Bouldern aus», erklärt sie. Und vielleicht versucht sie es in einem Nachbarverein dann mal noch mit Geräteturnen. «Das würde mich schon reizen», gibt Banchu zu.
Damit Integration funktioniere, brauche es Offenheit, Flexibilität und gute Kommunikation von beiden Seiten – das Zwischenmenschliche müsse stimmen. «Disziplinen zu schaffen, die für alle machbar sind, ist fast nicht möglich, da es so viele verschiedene Behinderungen gibt», so Banchu. Aber die Bereitschaft, es zu versuchen und nicht von Vornherein abzulehnen, sollte vorhanden sein.