Inclusion Coaching 

«Es war mehr möglich, als wir erwartet hatten»

Eine Schulklasse, drei Tage in den Bergen und eine Gletschertour, bei der lange nicht klar war, ob wirklich alle dabei sein können. Für Jan und Nils wurde sie zu einem besonderen Erlebnis. Und für ihre Klasse zu einem Beispiel dafür, was Inklusion bedeuten kann, wenn man nicht zuerst fragt, was nicht geht, sondern gemeinsam herausfindet, was möglich ist. 

Steigeisen unter den Schuhen, Eis unter den Füssen und rundherum eine eindrückliche Bergwelt: Als Jan und Nils an diesem speziellen Sommertag im August tatsächlich auf dem Gletscher unterwegs sind, ist das alles andere als selbstverständlich.

Nils ist aufgrund einer zerebralen Einschränkung im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen und kann nur kurze Strecken gehen. Sein Bruder Jan ist ebenfalls von einer zerebralen Einschränkung betroffen, kann jedoch gehen. Die Muskelansteuerung, die Bewegungsplanung sowie das Gleichgewicht sind eingeschränkt. Dazu kommt bei Jan, dass er Distanzen nicht gut einschätzen kann. Dies erschwert auch den Alltag und das Sporttreiben mit Gleichaltrigen. Beide besuchen dieselbe Klasse der Sekundarstufe 1 in Interlaken.

Als ihre Klassenlehrerin Britta die Klasse übernahm, schien deshalb zunächst klar: Ein Berglager mit Klettersteig, Felsklettern und Gletschertour, wie sie es bereits mit einer früheren Klasse durchgeführt hatte, würde dieses Mal kaum möglich sein.

«Mein erster Gedanke war tatsächlich: Okay, das Lager wie vor drei Jahren ist wohl so nicht möglich», erinnert sich Britta. Doch genau damit wollte sie sich nicht zufriedengeben. «Ich fand es nicht fair, wenn die anderen solche Erlebnisse machen können und die beiden nicht.»

Nicht: Geht das? Sondern: Was geht?

Gemeinsam mit den Eltern, den beiden Jugendlichen und PluSport begann die Suche nach Lösungen. Dabei musste nicht jede Aktivität für alle identisch sein. Entscheidend war, für alle einen Weg zu finden, Teil des gemeinsamen Erlebnisses zu sein.

Beim langen und anspruchsvollen Klettersteig war die Grenze erreicht. Jan und Nils durften dann gemeinsam mit zwei weiteren Klassenkameraden und ihrer Inclusion Coach Riina Jordi in den Seilpark. Dort konnten sie selbst entscheiden, welche Höhe und welchen Schwierigkeitsgrad sie sich zutrauten. Beim Felsklettern am nächsten Tag waren die Brüder wieder gemeinsam mit der Klasse am Fels. Und dann kam der Gletschertag.

Ausgerechnet die heissen Sommertemperaturen machten den Zugang schwieriger als geplant: Durch das sogenannte Snowfarming, also das Abdecken von Schnee und Eis über den Sommer, war eine rund drei Meter hohe Stufe entstanden, die den Weg auf den Gletscher zusätzlich erschwerte. Die ursprüngliche Idee, Nils mit einem Monobob auf den Gletscher zu bringen, musste ebenfalls verworfen werden: Das Eis war zu blank und es wäre mit dem Bob zu gefährlich gewesen.

Also musste eine andere Lösung her.

Plötzlich steht Nils auf dem Eis

Fast bis zum Gletscherrand gelangte Nils mit seinem Rollstuhl, teilweise über ziemlich unebenes Gelände. Die letzten 30 Meter kämpfte er sich mit Hilfe auf das Eis. Dort zog er Steigeisen an - und ging los.

«Ich hätte wirklich nicht erwartet, dass es so weit kommt», erzählt Britta. «Wir haben vorher nicht gewusst, ob wir überhaupt bis zum Gletscher kommen. Und dann stehen plötzlich beide dort oben und laufen mit uns mit.»

Jan bewältigte die Strecke ebenfalls - trotz eines Sturzes unterwegs. Nils ging weiter, solange es für ihn möglich war. Begleitet wurden die beiden von ihrem Vater, Riina Jordi von PluSport, einer weiteren Lehrerin und einem Klassenkameraden, fachlichen Rat bekamen sie zudem von einem Bergführer.

Ihr Vater war an diesem Tag eine wichtige Unterstützung und gemeinsam war die Seilschaft rund eineinhalb Stunden unterwegs. Damit waren sie zwar deutlich länger als die anderen Gruppen unterwegs, aber das störte an diesem Tag niemanden. 

Für Nils war nicht klar, ob er dabei sein kann:

«Wegen dem heissen Sommer war plötzlich unklar, ob ich überhaupt mit auf den Gletscher kann. Dank der Unterstützung durfte ich schlussendlich dabei sein. Es war anstrengend aber am Ende bleibt ein unglaubliches Glücksgefühl – ich war dabei!»

Für Britta war dieser Moment einer der Höhepunkte des gesamten Lagers. Nicht, weil alle exakt dasselbe geschafft hatten, sondern weil aus einem anfänglichen «Das geht wahrscheinlich nicht» Schritt für Schritt ein «Wir schaffen das gemeinsam» geworden war.

Wenn die Klasse wartet

Auch die anderen Jugendlichen waren längst wieder Teil dieser Geschichte: Nach ihrer eigenen Runde warteten sie am Bergsee auf die Seilschaft mit Jan und Nils.

In ihren Tagesberichten an die Eltern schrieben die Schülerinnen und Schüler später vom Panorama, vom Mittagessen auf dem Gletscher und davon, wie ungewohnt sich der Boden anfühlte, nachdem sie die Steigeisen wieder ausgezogen hatten. Es sind kleine Beobachtungen, die zeigen, wie intensiv sie diesen Tag erlebt hatten.

Für Jan war es schön, den Tag mit der Klasse zu erleben:

«Der Anfang war zwar anstrengend. Die Aussicht war dafür richtig toll, und auf dem Gletscher herrschte eine unglaubliche Ruhe. Ein einmaliger Tag, den ich mit meiner Klasse erleben durfte!»

Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Geschichte dieses Berglagers: Inklusion bedeutete hier nicht, dass alle dasselbe tun mussten. Sie bedeutete, Möglichkeiten zu schaffen, Unterstützung zu organisieren und manchmal auch einen anderen Weg zu wählen, ohne jemanden aus dem gemeinsamen Erlebnis auszuschliessen.

Möglich wird es gemeinsam

Dafür brauchte es viele Menschen: Die Eltern von Jan und Nils unterstützten die Idee von Anfang an, ihr Vater begleitete die beiden sogar auf den Gletscher. Zusätzliche Begleitpersonen waren nötig, ebenso Fachwissen und viel Organisation. Über PluSport konnte schliesslich die passende Unterstützung gefunden werden. Die dadurch entstandenen Kosten wurden von einem Verein übernommen, sodass weder für die Familie noch für die Schule zusätzliche Kosten anfielen.

Eine wichtige Rolle spielte dabei auch das Inclusion Coaching von PluSport. Als wenige Monate vor dem Lager plötzlich keine der ursprünglich vorgesehenen Begleitpersonen mehr verfügbar war, wandte sich Britta an das Team Inklusion von PluSport. Dort wurde kurzfristig nach einer Lösung gesucht und mit Riina Jordi eine geeignete Begleitung gefunden. Während des Lagers war sie direkt mit den Jugendlichen unterwegs und schaute gemeinsam mit den Beteiligten, was für Jan und Nils möglich war.

«Beim Inclusion Coaching geht es nicht darum, um jeden Preis alles möglich zu machen. Wir schauen gemeinsam hin: Was braucht ein Kind oder ein Jugendlicher, damit eine Teilnahme sicher und sinnvoll möglich wird? Manchmal braucht es Unterstützung, manchmal eine Alternative – und manchmal entsteht daraus viel mehr, als man sich vorher zugetraut hätte.»

Riina Jordi, Inclusion Coach

Für Britta steht nach den drei Tagen jedenfalls fest, dass sich der Aufwand gelohnt hat: «Wir konnten mehr machen, als wir erwartet hatten», sagt sie. «Die beiden Jungs, die anderen Jugendlichen und auch wir Erwachsenen waren extrem glücklich darüber, was alles möglich war.»

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die die Klasse vom Gletscher wieder mit ins Tal genommen hat: Nicht jede und jeder braucht denselben Weg. Aber manchmal kommt man trotzdem gemeinsam weiter, als man gedacht hätte.


Bewegung und Teilhabe für alle

PluSport Inclusion Coaching unterstützt Sportvereine, Schulen, Sportverbände und andere Organisationen dabei, Bewegung und Sport inklusiv zu gestalten und Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsame Teilhabe zu ermöglichen. Dabei bietet PluSport praxisnahe Beratung, Schulungen sowie individuelle Begleitung von Trainings und Lagern. Der Bereich Inklusion entwickelt gemeinsam mit den Organisationen massgeschneiderte Lösungen, um Barrieren abzubauen und inklusive Sportangebote nachhaltig umzusetzen.

Zum Inclusion Coaching

«Inklusion ist eine Visitenkarte für den Besucherdienst im Bundeshaus.»

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