Spitzensport

«In Los Angeles ist alles big, big, big»

Tom Reulein, Leiter Spitzensport bei PluSport, war in Los Angeles und hat sich vor Ort ein Bild davon gemacht, wie weit die Vorbereitungen für die Paralympischen Spiele 2028 bereits fortgeschritten sind. Sein Eindruck: Die Organisatoren sind zwei Jahre vor den Spielen schon sehr weit - und LA wird in vielerlei Hinsicht gross. Sehr gross.

Tom, du warst kürzlich in Los Angeles und hast dir die Vorbereitungen für die Paralympischen Spiele 2028 angeschaut. Was war dein erster Eindruck?

Mein Eindruck ist: Zwei Jahre vor den Spielen sind sie bereits sehr weit. Natürlich ist noch nicht alles geklärt, aber sie haben die richtigen Themen auf dem Radar. Aber die sind parat, das Organisationsteam ist hochprofessionell! 

Man kann eigentlich nicht von «den Amerikanern» sprechen, denn das OK ist eine international zusammengesetzte Truppe. Das sind Leute, die den Olympischen und Paralympischen Spielen rund um die Welt folgen, im Sommer wie im Winter.

Entscheidend ist bei Paralympischen Spielen die Barrierefreiheit, die man gleich zu Beginn der Planung berücksichtigen muss. Wie sieht es damit aus?

In den verschiedenen Austragungsorten und auch an der UCLA, der Universität in LA, wo wir unser Vorbereitungs-Camp durchführen werden, haben wir gesehen, dass Barrierefreiheit traditionell bereits auf einem guten Niveau ist. Es gibt barrierefreie Toiletten, Aufzüge, Parkplätze und vieles mehr.

Noch nicht ganz klar ist, wie wir uns innerhalb des Paralympischen Dorfs bewegen werden. Vorgesehen ist eine Art Mikromobilität mit kleinen Shuttles und anderen Fahrzeugen. Gleichzeitig ist das Gelände teilweise hügelig, das kann für Menschen im Rollstuhl eine Herausforderung sein.

Hat dich eine Sportstätte besonders überrascht, positiv oder negativ?

Es gab zwei Dinge, die ich so noch nicht erlebt hatte: Das eine ist schlicht die Dimension. Ich habe mittlerweile vier Olympische Spiele und einmal Paralympische Spiele erlebt - und Spiele sind immer gross. Aber in Amerika ist es noch einmal grösser! Wirklich big!

Das beginnt schon bei der UCLA, wo das Olympische und Paralympische Dorf angesiedelt wird. Dort sind rund 15'000 bis 20'000 Studierende auf dem Campus. Das sind nicht einfach ein paar Häuser, sondern praktisch ein eigener Stadtteil, inkl. eigener Polizei, Feuerwehr, Buslinien und Spitälern. 

Und auch die Sportinfrastruktur ist riesig: Die Universität hat beispielsweise eine Basketballhalle mit rund 15'000 Zuschauerplätzen. Im Fitnesscenter können gleichzeitig rund 1'500 Studentinnen und Studenten trainieren. 

Während der Spiele werden dort auch die Trainings für verschiedene Sportarten stattfinden. Die Leichtathletik kann vor Ort trainieren, ebenso das Schwimmen mit zwei 50m Pools. Dazu kommen drei Fussballfelder, die komplett überdacht werden, damit dort Indoor-Training für verschiedene Sportarten stattfinden kann.

Und das ist alles wohlgemerkt nur für das Training, nicht für die Wettkämpfe.

Was ist dir sonst noch aufgefallen?

Die zweite Sache ist die unglaubliche Präzision, mit der gearbeitet wird. In den USA spielt Haftung eine grosse Rolle, deshalb wird sehr genau darauf geachtet, dass Regeln und Vorschriften eingehalten werden.

Auch beim Thema Sicherheit ist der Aufwand enorm. Sicherheit ist bei jedem Grossanlass ein Riesenthema, aber in Los Angeles wird das nochmals auf eine andere Ebene gehoben. Secret Service, FBI, CIA, Homeland Security - alle sind involviert.

Welche Sportstätte hat dich am meisten beeindruckt?

Wir haben natürlich nicht alle gesehen, aber das beeindruckendste ist für mich das Los Angeles Memorial Coliseum, das Olympiastadion von 1932 und 1984. Das ist einfach riesig! Dort gab es einmal ein Baseballspiel mit 115'000 Zuschauer:innen.

Auch das Umfeld des Exposition Park ist speziell. Dort steht unter anderem das Space Shuttle «Endeavour». Das ist einfach typisch amerikanisch, das hat schon etwas.

Wenn alles so gross und bombastisch ist: Wo liegen die grössten logistischen Herausforderungen?

Ganz klassisch bei den Transport- und Reisewegen der Athletinnen und Athleten, bei der Infrastruktur vor Ort und bei der Frage, wie man ihnen genügend Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Beim Schwimmen beispielsweise rechnen wir mit rund 53 Minuten Transportzeit zu den Wettkämpfen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass es tatsächlich bei diesen 53 Minuten bleibt und nicht wie beispielsweise in Rio de Janeiro 2016 aus 50 Minuten plötzlich zweieinhalb Stunden werden.

Trotzdem summiert sich das. Wenn du im Dorf schon 20 Minuten von deinem Apartment bis zur Busstation brauchst, dort zehn oder zwölf Minuten wartest, eine Stunde fährst, und an der Sportstätte selbst nochmals ein Stück laufen musst, bist du schnell bei eineinhalb bis zwei Stunden pro Weg.

Deshalb werden wir beispielsweise für die Schwimmerinnen und Schwimmer vor Ort Hotelzimmer buchen:  Wenn sie morgens ein Qualifying haben und am späten Abend ihre Finals bestreiten, können sie sich tagsüber zurückziehen. 

Auch das Dorf selbst ist riesig. Es gibt diesen grossen Eingangsbereich mit Sponsoren, Gästen und Besuchern. Das ist alles unglaublich gross. Und genau darin liegt eine Herausforderung: Du kannst dort sehr viel Energie verlieren. Alles ist bunt, interessant und spektakulär. Aber während der Wettkämpfe musst du fokussiert bleiben, bei dir bleiben und deinen Weg gehen.

Was muss in den kommenden zwei Jahren noch passieren, damit es erfolgreiche Spiele werden?

Eigentlich nicht mehr allzu viel, sie sollen einfach weitermachen wie bisher.
Unsere Sportartenmanager:innen stehen mittlerweile fest, und wir können deshalb auch sportspezifisch in die Vorbereitung gehen. Wir kennen unsere Kontakte für die verschiedenen Vorbereitungsprozesse und für die Akkreditierungen.

Sehr wichtig ist dabei das sogenannte ETC, das «Estimated Team Calculation». Damit können wir planen, wie viele Athletinnen und Athleten, wie viele Akkreditierungen und wie viel Staff wir benötigen.

Was glaubst du, wie das Schweizer Team mit diesen Dimensionen umgehen wird?

Ich habe da keine grossen Bedenken. Wir werden durchaus erfahrene Athletinnen und Athleten dabei haben, und ich glaube, dass sie mit der Situation gut zurechtkommen werden. Paris 2024 war in dieser Hinsicht sehr ähnlich, was die Fahrzeiten betrifft. Dort war alles etwas kompakter, aber unsere Athletinnen und Athleten kennen solche Situationen.

Und wenn man einmal zwei oder drei Tage Pause hat, gibt es in Los Angeles natürlich viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen: Venice Beach, den Walk of Fame oder andere Klassiker. Ich finde es wichtig, dass die Athletinnen und Athleten auch solche Möglichkeiten haben, denn das kann inspirierend sein.

Eine Herausforderung wird sicher die Hitze zusammen mit der hohen Luftfeuchtigkeit. Das ist körperlich anspruchsvoll. Aber darauf kann man sich vorbereiten, beispielsweise mit Hitzetraining in einer Klimakammer. Ich glaube, das haben unsere Athletinnen und Athleten gut im Griff.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du an LA 2028 denkst?

Auf das «Wow» dort. Und auf ein cooles Team, das wir vor Ort haben werden.

Ich denke dabei an die grossen Slogans der vergangenen Spiele. Einer ist mir besonders hängen geblieben: «Power, Passion and Performance».

Das trifft es eigentlich ziemlich gut. Wir gehen mit Leidenschaft nach Los Angeles, wir haben echte Team Power und am Ende entscheiden die einzelnen Leistungen.

Und da sind wir im Moment auf einem sehr guten Weg.

Bereits heute wird der Grundstein für die Spitzensportler:innen der Zukunft gelegt

PluSport unterstützt die Initiative «Switzerland 2038», die sich für die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele in der Schweiz 2038 einsetzt.
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