Ausbildung

Mehr Teilhaben im Turnen: Fortbildung vom STV und Sport+Handicap EDUCATION

Der Schweizerische Turnverband (STV) und Sport+Handicap EDUCATION setzen sich mit einer gemeinsamen Fortbildung dafür ein, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS/Autismus-Spektrum-Störung (ASS) am Turnsport teilhaben können. Leitende verschiedenster Turn-Angebote erhielten wertvolle Praxis-Inputs, wie Patrick Wyss, Modulverantwortlicher seitens STV, schildert.

Menschen mit ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung nehmen die Welt anders wahr. Reize überfluten sie rasch, Fokus und Empathie fallen teilweise schwer, das Fehlen von gewohnten Strukturen führt rasch zur Überforderung. Trotzdem möchten betroffene Kinder und Jugendliche Bewegung erleben – wie zum Beispiel im Turnen.

Ein Turnsport, in dem Vielfalt als Bereicherung verstanden wird, schafft Raum für gemeinsames Lernen, Bewegen und Erleben – und damit für echte Teilhabe. Mit diesem bedeutenden Ziel vor Augen haben der STV und Sport+Handicap EDUCATION die gemeinsame Weiterbildung «Toleranz und Teilhabe: Kinder und Jugendliche mit ADHS/Autismus-Spektrum-Störung (ASS) im Turnsport» lanciert. Die verbundene Fachkompetenz schafft Mehrwert, der über die Summe seiner Teile hinausreicht. So geht es nicht nur um die Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse, sondern auch um das gleichzeitige Ermöglichen kollektiver Bewegungserlebnisse.

Die Teilnehmenden des Pilotmoduls setzten sich damit auseinander, wie Kinder und Jugendliche mit ADHS oder ASS in Turngruppen bestmöglich begleitet und in das gemeinsame Training einbezogen werden können. Dabei stand zuerst das Verständnis für die Besonderheiten und Verhaltensweisen im Vordergrund.

Selbstverständlich blieb es in der Turnhalle der Primarschule Kotten in Sursee nicht bei der Theorie: Praxiseinheiten ermöglichten es, typische Situationen aus dem Trainingsalltag zu reflektieren und verschiedene Möglichkeiten zur Anpassung von J+S-Aktivitäten kennenzulernen und auszuprobieren.

So blickt Patrick Wyss, Bereichsleiter Jugend + Sport beim STV und Modulverantwortlicher auf die neue Fortbildung:

Warum war es dem STV wichtig, gemeinsam mit Sport+Handicap EDUCATION dieses Pilotmodul zum Thema «Toleranz und Teilhabe: Kinder und Jugendliche mit ADHS/ASS im Turnsport» zu entwickeln?

Dem Schweizerischen Turnverband (STV) ist es wichtig, neben sportlichen und methodisch-didaktischen Themen, auch gesellschaftsrelevante und überfachliche Themen via Ausbildung in die Turnhallen der Schweiz zu bringen. Die Förderung eines wertvollen und inklusiven Sports ist dem STV ein zentrales Anliegen – aus diesem Grund wurde auch vor mehr als einem Jahr beim STV die Fachstelle Inklusion lanciert. Der STV erreicht sehr viele Kinder und Jugendliche – alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Wahrnehmungen und Bedürfnissen. Die Thematik beschäftigt viele Leitende in ihren wöchentlichen Trainings. Deshalb haben wir uns entschlossen, in Zusammenarbeit mit Fachpersonen dieses Modul zu entwickeln. Denn wir möchten, dass sich alle Kinder und Jugendliche im Turnsport zugehörig fühlen, positive Sporterlebnisse machen und ihre Stärken einbringen können. Dass es nun mit Sport+Handicap EDUCATION eine zentrale Anlaufstelle für uns Verbände gibt, hat uns die Kontaktaufnahme einfach gemacht.

Was ist der Mehrwert der Zusammenarbeit zwischen dem STV und Sport+Handicap EDUCATION?

Sport+Handicap EDUCATION bringt sehr viel Fachwissen mit und ihr hat Unterlagen erstellt, die in dieser Thematik direkten Nutzen für die Praxis bringen. Der STV bringt den direkten Bezug zum Turnsport, zu unseren Ausbildungsgefässen, zum Vereinsalltag und zu den Fragen unserer Leiter:innen ein. Gerade diese Kombination macht das Modul stark: Es bleibt fachlich fundiert, wird aber gleichzeitig sehr praxisnah und turnsportspezifisch. Bei der Vorbereitung war mir wichtig, dass wir nicht nur über Begrifflichkeiten sprechen, sondern den Transfer in die Halle schaffen – mit Selbsterfahrungen, Fallbeispielen, konkreten Anpassungen und einem Werkzeugkoffer, der im Training wirklich nutzbar ist.

Wenn Du eine Botschaft zum Thema Inklusion an alle Turnvereine und Leiter:innen richten könntest, wie würde diese lauten? Was würdest Du ihnen mitteilen oder mitgeben wollen?

Meine Botschaft wäre: Traut euch. Inklusion beginnt nicht erst dann, wenn alles perfekt vorbereitet ist. Sie beginnt mit einer offenen Haltung, mit Interesse am einzelnen Kind und mit der Bereitschaft, kleine Anpassungen auszuprobieren. Haltung vor Perfektion – das ist für mich ein zentraler Gedanke.

Wo siehst Du im Turnsport aktuell die grössten Herausforderungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit ADHS/ASS?

Die grösste Herausforderung sehe ich in den Rahmenbedingungen und der Ehrenamtlichkeit der Leitenden. Oft kommen in den Trainingsgruppen viele Kinder auf wenig Leitende. Die ehrenamtlichen Leiter*innen sind mit grossem Engagement unterwegs, haben aber nicht für jede Situation eine fertige Lösung. Zudem kommen sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht immer mit vollen Batterien und relaxt in die Halle. Das sind alles Faktoren, welche eine strukturierte Trainingsplanung und -durchführung herausfordernd machen. Diese Herausforderungen werden nicht kleiner, je mehr Kinder mit ADHS/ASS mitmachen. Zudem sind die Trainings je nach Turnsport per se reizintensiv – auch weil sich die Kinder austoben dürfen sollen.

Was sollen die Teilnehmenden nach diesem Kurstag konkret mitnehmen und in ihren Vereinsalltag übertragen können?

Die Teilnehmenden sollen vor allem etwas mitnehmen, das sie im nächsten Training anwenden können. Sie sollen typische Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen mit ADHS oder ASS besser verstehen und einordnen können. Sie sollen erleben, wie sich Reizüberflutung, Fokusverlust oder unklare Strukturen anfühlen können. Und sie sollen konkrete Werkzeuge kennenlernen: zum Beispiel klare Rituale, visualisierte Abläufe, kurze und eindeutige Anweisungen, Anpassungen der Organisationsformen, Möglichkeiten zur Selbstregulation und lösungsorientierte Strategien für herausfordernde Situationen. Wenn die Teilnehmenden nach dem Kurs sagen: «Ich habe mehr Verständnis, mehr Sicherheit und zwei bis drei konkrete Ideen für mein nächstes Training», dann haben wir viel erreicht.

Gab es einen Moment oder eine Erfahrung in der Vorbereitung auf das Modul oder bei der Durchführung, die Deine eigene Sicht auf Inklusion im Turnsport verändert hat?

Nein, grundlegend verändert hat sich meine Sicht auf Inklusion im Turnsport während der Vorbereitung nicht. Sie wurde jedoch bestärkt und ich konnte mein Verständnis für gewisse Details stärken. Beispielsweise haben wir im letzten Modul Fortbildung Experte das Modul vorgestellt und dazu das Spiel zur Reizüberflutung exemplarisch durchgeführt. Es war beeindruckend zu sehen, wie unterschiedlich Leute mit dieser Reizüberflutung umgehen. Beeindruckt war ich zudem, als ich nochmals detailliert den Bericht auf unserer Website vom STV Wehntal gelesen habe – er hat mich berührt und mir verdeutlicht, dass Inklusion in unseren Vereinen bereits gelebt wird.

Mehr Information und Dokumentation:
Mobilesport.ch: Fokus ADHS – Bewegung als Chance


Unsere Vision ist es, ein attraktives Bildungsangebot in Sport, Behinderung und Inklusion anzubieten und es im Schweizer Sportsystem zu integrieren.

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Dank der Anschubfinanzierung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, EBGB konnte das Projekt Sport+Handicap EDUCATION realisiert werden.