Die Paralympics Milano-Cortina gehen als erfolgreichste der vergangenen Jahrzehnte für die Schweizer Delegation ein. Doch nicht nur auf der Piste tummelten sich Paralympionik:innen, sondern auch auf der Tribüne. So auch Skirennfahrer Thomas Pfyl. Mit zwei Paralympischen Medaillen, zahlreichen WM-Medaillen, Weltcupsiegen und Gesamtweltcupsiegen, gehört der Schwyzer zu den erfolgreichsten Wintersportlern der Schweiz. 2023 gab er seinen Rücktritt vom Skirennsport bekannt und fieberte nun erstmals als Fan mit der Schweizer Delegation mit. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.
Thomas, vor drei Jahren fand auf dieser Piste in Cortina dein letztes Rennen statt. Vor ein paar Wochen warst du zum ersten Mal als Zuschauer bei den Paralympics dabei. Wie war bzw. sind deine Gefühle?
Thomas Pfyl: Es ist und war speziell. Einerseits, weil ich seit drei Jahren nicht mehr aktiv dabei bin – das erste Mal nicht mehr Teil dieses Ganzen zu sein, war für mich schon komisch. Als ich bei schlechtem Wetter zugesehen hatte, machte es mir weniger aus. Aber bei dem schönen Wetter, habe ich vor Ort schon gemerkt, wie cool es wäre, selbst noch fahren zu können. Aber ich bin jetzt seit einigen Jahren weg vom aktiven Sport, und das ist doch eine gewisse Zeit. Von daher passt es so, wie es ist.
2006 hast du zwei paralympische Medaillen gewonnen. Jetzt, 20 Jahre später, hat Robin Cuche vier Medaillen geholt, und auch im Parasnowboard gab es mit Aron Fahrni und Fabrice von Grünigen Erfolge für die Schweiz. Wie beurteilst du die Entwicklung des Schweizer Parasports?
Grundsätzlich ist die Entwicklung sicher positiv. Mit den sechs Medaillen, die wir in Milano-Cortina gewonnen haben – von denen etwa drei erwartet waren – haben wir die Erwartungen sogar übertroffen. Wir sind also auf einem guten Weg.
Natürlich fällt auf, dass Robin gleich vier Medaillen geholt hat. Im alpinen Bereich haben wir mit Emerick einen starken jungen Athleten, aber beim Nachwuchs müssen wir schauen, dass wir dranbleiben. Es ist wichtig, dass wir Talente nicht nur entwickeln, sondern sie auch langfristig bis in den Weltcup begleiten.
Im Snowboard tut sich ebenfalls einiges. Dort sind wir gut aufgestellt, auch im Nachwuchsbereich. Ich habe kürzlich einen Beitrag über Laurin gesehen – das war wirklich stark. Solche Entwicklungen sind sehr erfreulich.
Bist du noch im Austausch mit dem Team und gibst vielleicht sogar Feedback von der Tribüne aus?
Direktes Feedback von der Tribüne gebe ich nicht. Das Team hat sehr gute Trainer, die das übernehmen. Ich halte mich da eher im Hintergrund. Natürlich können sie jederzeit auf mich zukommen, wenn sie Fragen haben.
Ich bin aber weiterhin mit einigen Athleten im Austausch und verfolge das Geschehen sehr eng. Ich schaue praktisch jedes Rennen im Liveticker mit und bin dementsprechend nach wie vor nah dran.
Viele Athlet:innen waren zum ersten Mal an den Paralympics dabei. Hast du Tipps, wie sie nach dem Grossereignis mit einem möglichen emotionalen Tief umgehen können?
Die Paralympics sind für Newcomer ein riesiges Erlebnis. Alles ist grösser – der Medienrummel, die Aufmerksamkeit. Das muss man zuerst verarbeiten.
Ich denke, ein gutes Umfeld ist dabei entscheidend. Nach den Spielen kehrt wieder der normale Trainings- und Wettkampfalltag zurück. Das hilft, wieder Boden unter den Füssen zu bekommen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die Athleten diesen Übergang gut meistern werden.
Wie hast du die Paralympics als Zuschauer erlebt?
Es war schön, das Ganze mit meiner Frau Evelyne (ehm. Guide Swiss Paralympic Ski Team) und meiner Kollegin Karin Fasel (Vorstand PluSport und ehm. Athletin) so hautnah mitzuerleben. Für mich war es eine ganz neue Perspektive. Alles von der Tribüne aus zu beobachten war spannend und hat mir sehr gefallen.
Was war dein persönliches Highlight?
Generell war es beeindruckend zu sehen, wie erfolgreich die ganze Delegation war. Das Highlight war für mich war ganz klar die Silbermedaille von Robin Cuche – das war ein besonderes Erlebnis. Und besonders schön finde ich auch, dass mehrere Athleten Medaillen gewonnen haben und nicht nur einer. Das stärkt die Schweiz als Behindertensport-Nation insgesamt.
Zum Schluss: Jetzt, wo du das Ganze als «Rentner» erlebt hast – gibt es ein Comeback?
Nein, ein Comeback wird es nicht geben. Natürlich reizt es mich manchmal schon, wieder durch die Tore zu fahren oder auf abgesperrten Pisten unterwegs zu sein. Das vermisse ich. Freies Skifahren auf vollen Pisten ist einfach nicht dasselbe.
Aber ich werde auch nicht jünger, deshalb überlasse ich das Feld den Jungen. Wenn ich hin und wieder ein paar Schwünge fahren kann, reicht mir das völlig.
Thomas, vielen Dank für das Gespräch.
Das interview geführt hat Joachim Röthlisberger – auch er ist ehemaliger Paralympionike (Sotschi 2014) und PluSport-Mitarbeiter.