«Ich kann noch viel von erfahrenen Läufern lernen»

Luca Tavasci wohnt im Engadin. Dass er ein Langläufer ist, erstaunt also nicht wirklich. Dass er aber mit nur einer Hand und damit einem Stock läuft, hingegen schon. Der 23-Jährige macht dies so gut, dass er im Februar an der Nordischen WM in Finsterau (D) teilnehmen kann.

Fotos: Jon Melcher & Hansjörg Pfäffli

«Ja es ist wirklich kalt», sagt Luca Tavasci und meint die Temperaturen, die zurzeit in Samedan, wo er aufgewachsen ist und noch immer wohnt, herrschen. Trotzdem trainiert er sechsmal die Woche, einen Tag nimmt er sich für die Erholung. Und dies neben seinem Bauingenieur-Studium in Chur. Das tönt nach einem, der verbissen auf ein Ziel hin kämpft, was aber für den Bündner überhaupt nicht zutrifft. Der junge Mann ist ruhig und gelassen, weiss, dass im Moment das Studium Vorrang hat und lebt sein Motto: Einen Schritt nach dem anderen. Schliesslich musste er schon als Kind lernen, Probleme zu lösen. Das ihm eine Hand fehlt war und ist für ihn aber vollkommen normal. «Ich wurde so geboren und kannte nichts Anderes.» Also ging er auch vollkommen normal mit seiner Behinderung um. So, dass Kollegen oft erst gar nicht bemerkten, dass ihm eine Hand fehlt, wie er erzählt. «Ich tue alles mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es nicht auffällt.» Zum Beispiel auch Biken und Skilanglaufen. Beides auf einem hohen Niveau, beides noch nicht lange. Luca Tavasci hat erst 2010 angefangen zu Biken und mit einem Mechaniker eine Lösung ausgetüftelt, damit auch er Berge hinauftrampeln und möglichst schnell wieder runterdonnern kann.

 

Vom Bike zum Langlauf

Doch dann kamen die Winter. Wohin also mit der im Sommer aufgebauten Fitness? Langlaufen lag auf der Hand, «vor allem im Engadin», sagt er und lacht. Auch hier musste er tüfteln, zusammen mit seinem Trainer. Nur ein Stock, für die meisten Langläufer unvorstellbar. «Ich mache eigentlich alles genauso wie die anderen. Nur muss ich mehr aus den Beinen heraus arbeiten, schneller quasi in den leichteren Gang schalten und mich mehr am Gelände anpassen.» Und weil er in der Schweiz der einzige ist, der so läuft, misst er sich halt mit nichtbehinderten Sportler. Dass er dabei in Swisscup-Rennen oft Letzter wird, nimmt er pragmatisch. «Ich versuche beim nächsten Rennen den Abstand zum Gewinner zu reduzieren. Das ist meine Motivation.» Bei den Volksläufen lässt er aber einige mit zwei Stöcken hinter sich, erzählt er, nicht ohne Stolz. So auch zum Beispiel beim Engadiner Skimarathon.

 

Weltcuprennen als Behindertensportler

Mittlerweile hat der Samedner Weltcuprennen der Behindertensportler bestritten. Ein besonderes Erlebnis, wie er betont. «Ich konnte problemlos mit anderen Nationen trainieren, die Strecke begutachten, wurde sofort aufgenommen.» Läufer aus anderen Ländern haben sich gefreut, dass endlich wieder mal ein Schweizer mit dabei sei. Bei seinem Weltcuprennen in Finnland wurde er vom deutschen Team herzlich aufgenommen. Organisiert hatte dies PluSport. «Alleine könnte ich das organisatorisch neben dem Studium nicht bewältigen», so der Bündner. Bei internationalen Rennen ist er nun nicht mehr alleine, auch andere fahren nur mit einem Stock. «Ich kann viel lernen von erfahrenen Läufern und ich möchte mich verbessern. Zum Beispiel gegenüber meinen Weltcuprennen in Finnland.» Schritt um Schritt halt.

 

WM Teilnahme ist keine Selbstverständlichkeit

Dass Luca Tavasci an die WM fahren kann, ist alles andere als selbstverständlich. Vor fünf Jahren wurde bei ihm ein Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Es folgten sechs Zyklen Chemotherapien à drei Wochen, dies mitten in der Prüfungszeit für die Matura. Aber auch in dieser schwierigen Situation blieb er pragmatisch: «Nie aufgeben, das Beste daraus machen» Und wieder: «Ein Schritt nach dem anderen.» Wobei er stets auf die Unterstützung der richtigen Mitmenschen zählen konnte, wie er betont. Heute gilt er im fünften Jahr nach der Diagnose als geheilt. Froh ist er trotzdem, dass er regelmässig zu den Kontrollen darf. Seit seiner Krankheit engagiert er sich nun bei «Greenhope», einer Stiftung, welche durch den Sport und mit Sportlern krebskranke Kinder auf dem Weg zur Besserung unterstützt. «Dies ist eine weitere Motivation für mich, alles zu geben. Um den Kindern zu helfen.» Tavasci übernimmt als Langläufer aber auch sonst in der Schweiz eine Vorbildfunktion. Vielleicht werden dereinst weitere Behindertensportler auf der Loipe mit ihm ihre Runden drehen. Es wäre ihm zu wünschen.